Konzepte der Deutschsprachigen Nutzergruppe zur Weiterentwicklung der ICNP

F. Dörre (*), M. Hinz (*), P. König (**)

(*) TU Dresden, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus
Institut für Medizinische Informatik und Biometrie
(**) Klinik für Tumorbiologie, Freiburg

Freiburg, 6.3.1998

Über die Notwendigkeit, alle wichtigen Informationen im Prozeß der Patientenbetreuung zu dokumentieren, bestehen keine Meinungsverschiedenheiten. Denn die Dokumentation ist nicht nur die Grundlage für eine arbeitsteilige Betreuung des Patienten, sondern sie ist auch die Voraussetzung für

  • Forschung
  • Leistungsnachweis und
  • Qualitätsmanagement.
  • Während sich diese Erkenntnis für die medizinische Betreuung längst durchgesetzt hat, besteht auf dem Gebiet der Pflege noch beträchtlicher Nachholebedarf.

    Die Dokumentation pflegerischer Leistungen sollte im Idealfall in allen Phasen des Pflegeprozesses stattfinden, bei

    Eine wissenschaftlich begründete Beschreibung der vielfältigen Aktivitäten während des Pflegeprozesses setzt geeignete Begriffe voraus. Erst die Verwendung wohldefinierter - und möglichst international abgestimmter - und richtig klassifizierter Begriffe erlaubt die eindeutige und einrichtungsunabhängige Beschreibung und Vergleichbarkeit von pflegerischen Tätigkeiten. Dies gilt unabhängig davon, ob die Kommunikation über pflegerische Sachverhalte unmittelbar zwischen Menschen oder mittelbar über den Computer erfolgt.

    Andererseits muß konstatiert werden, daß nur praxisfreundliche, d. h. krankenhausspezifische Begriffe praktikabel sind und akzeptiert werden. Wer gleichzeitig Vergleichbarkeit (also im weitesten Sinne Wissenschaftlichkeit) und Praktikablität erreichen möchte, muß eine Lösung finden, bei der eine Software die Zuordnung hausspezifischer Begriffe auf ein internationales Begriffssystem, idealerweise auf eine internationale Klassifikation, übernimmt.

    Eine DV-gestützte Dokumentation pflegerischer Leistungen erfordert also nicht nur eine nutzerfreudliche Software, sondern auch und insbesondere ein geeignetes Klassifikationssystem.

    Deshalb begann 1989 auf Beschluß des International Council of Nurses (ICN) die Entwicklung der International Classification for Nursing Practice (ICNP), um aus pflegerischer Sicht die existierenden medizinischen Klassifikationssysteme ICD und ICPM zu ergänzen.

    Zielstellung der ICNP-Entwickler ist die international vergleichbare Beschreibung der Pflegepraxis als Voraussetzung für eine

    Bedauerlicherweise hat das Team am Dänischen Institut für Gesundheits- und Pflegeforschung (DIHNR), das in Zusammenarbeit mit zehn weiteren Ländern für Erstellung der englischsprachigen Alphaversion verantwortlich war, weder aus Deutschland noch aus Österreich oder der deutschsprachigen Schweiz Zuarbeiten erhalten. Der nationale Kontext steht jedoch – das überrascht Außenstehende zunächst - auch für eine bestimmte Sichtweise auf das Herangehen an die Pflege und folglich auch für die Beschreibung der Pflegeaktivitäten.

    Als Konsequenz des "Desinteresses" aus den deutschsprachigen Ländern ist zu befürchten: Wenn eines Tages eine vom ICN getragene und von der WHO in die Familie der Gesundheits-Klassifikationen aufgenommene Pflegeklassifikation von der Bundesregierung zum Gesetz erhoben sein wird, wird sich plötzlich ein Proteststurm erheben. Die betroffenen Pflegenden werden argumentieren, daß ihre Sicht der Pflege mit den Begriffen der dann gesetzlich vorgeschriebenen Klassifikation nicht beschreibbar ist.

    Nur die aktive Mitgestaltung der Klassifikation kann einer solchen Entwicklung vorbeugen.

    Diese Erkenntnis ist zwar naheliegend, konnte aber aus mehreren Gründen in den verschiedenen Pflegeverbänden nicht Fuß fassen. Einerseits ist nur einer der Verbände Partner des International Council of Nurses (ICN), andererseits fehlen in allen Verbänden die personellen und finanziellen Ressourcen. Wenn der Eindruck von außen nicht täuscht, liegt sicher außerdem auch ein Informationsmangel vor, mehr noch, es ist sogar zu befürchten, daß das Problem unterschätzt wird.

    Am Institut für Medizinische Informatik und Biometrie (IMIB) des Universitätsklinikums Dresden sind wir im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie geförderten Forschungsprojektes "Unterstützung des Pflegeprozesses durch Informations- und Kommunikationstechnologien" bei der Suche nach geeigneten Terminologie- und Klassifikationssystemen für die Beschreibung der patientennahen Pflegeprozesse auf die ICNP gestoßen. Ein erster Workshop zur ICNP fand im April 1997 in Dresden statt. Bei dieser Gelegenheit wurde – weil in Deutschland im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern auf dem Gebiet der Terminologie und der Klassifikation von Begriffen der Pflegepraxis der schon erwähnte Nachholebedarf konstatiert werden mußte - die Deutsche ICNP-Nutzergruppe gegründet. Aus dieser ist inzwischen die Deutschsprachige ICNP-Nutzergruppe entstanden mit derzeit 80 Mitgliedern.

    Die Nutzergruppe stellt einen unabhängigen und "neutralen" Tisch dar, an dem Vertreterinnen und Vertreter aus Pflegepraxis, Pflegewissenschaft, Pflegeinformatik, Pflegemanagement, Gesundheitspolitik und Industrie interdisziplinär und gleichberechtigt zusammenarbeiten sowie ihre Ideen und ihr Wissen einbringen können (und sollen), ohne daß eine fachliche Unterordnung oder formale Strukturen effektive Arbeitskontakte und problembedingte Entscheidungen behindern. Entscheidend ist allein der Fortschritt der ICNP.

    Die wichtigsten Aufgaben der Nutzergruppe bestehen darin,

    Für die Alpha-Version bedeutet dies folgende Schritte:

    1. Erarbeitung einer abgestimmten Übersetzung
    2. arbeitsteilige Erprobung dieser Übersetzung
    3. Verallgemeinerung der Erfahrungen mit dieser Version in der vorliegenden Übersetzung.

    Die Verfahrensweise bei der Übersetzung läßt sich knapp so darstellen:

    Durch das IMIB wurde im Sommer 1997 eine Übersetzung der ICNP erstellt und zur Beförderung einer breiten Diskussion erstmals an die Öffentlichkeit gebracht. Weitere Übersetzungen entstanden zum Teil parallel in Freiburg, als nicht öffentliches Material in Bremen und als Zusammenschau im Auftrag des DIHNR in Kopenhagen (vgl. Beitrag TACKENBERG). Derzeit ist die in der Nutzergruppe abgestimmte Übersetzung als "ICNP Alpha-Version, Deutsche Fassung, Version 0.3" verfügbar.

    Die Praxiserprobung der Alpha-Version läuft für ausgewählte Pflegebereiche in Freiburg und in Hannover.

    Eine Mitarbeit an der (englischsprachigen) Beta-Version setzt die Formulierung von Änderungswünschen voraus:

    Das Konzept zur Nutzung und zur Weiterentwicklung der ICNP umfaßt die fünf Schwerpunkte:

    1. Arbeitsteilige Erprobung in unterschiedlichen Fachrichtungen und verschiedenen Häusern zur Klärung der Fragen:
    2. Sind hausspezifische und ICNP-Begriffe äquivalent?
    3. Ist die Klassifikation für die Belange der Pflegedokumentation vollständig oder muß die Klassifikation ergänzt werden?
    4. Erstellung eines Synonymverzeichnisses (z.B. mit einem Rankingverfahren)
    5. Sicherung der Unabhängigkeit der Terminologie von "Pflege-Ideologien"
    6. ICNP-unabhängige Nutzeroberflächen der Software (Akzeptanz)
    7. ICNP-bezogene (zusätzliche) Speicherung auf der Grundlage einer DV-gestützten Pflegedokumentation.

    Die ICNP wird sich nur dann in der Praxis durchsetzen können, wenn es gelingt, diese Kernpunkte erfolgreich und arbeitsteilig zu bewältigen. Der Deutschsprachigen ICNP-Nutzergruppe wird es vorbehalten sein, auf diesem Weg als Katalysator und Organisator zu wirken.