Anforderungen an die ICNP für den EDV-gestützten Praxiseinsatz

M. Hinz, F. Dörre, A. Edelmann-Noack, M. Urban, H. Kunath

TU Dresden, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus
Institut für Medizinische Informatik und Biometrie

1 Einführung

Die zunehmende Professionalisierung und die wachsende Eigenständigkeit der Pflege als Teil einer komplexen Gesundheitsfürsorge führen zu neuen Herausforderungen auf dem Gebiet der informationellen Unterstützung der Pflege. Die Forderung nach qualitätssichernden Maßnahmen und einer wissenschaftliche fundierten Dokumentation in der Pflege sind mit herkömmlichen Mitteln kaum noch zu bewältigen. Durch neue Produkte und Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologien eröffnen sich aber auch neue Chancen für den Einsatz von pflegerischen Begriffs- und Klassifikationssystemen, wie z. B. der Internationalen Klassifikation für die Pflegerische Praxis (ICNP). Allerdings ergeben sich aus dem Computereinsatz in der Pflegepraxis auch bestimmte Anforderungen an die ICNP, um in der harten Realität einen wirklichen Nutzen für die Pflegekräfte an der Basis hervorzubringen.

2 Abbildung von pflegerischen Inhalten

Im Gegensatz zur Kommunikation in der Alltagssprache erfordert die Abbildung von pflegerischen Inhalten mittels eines Computers unter dem heute vorherrschenden Zeitdruck eine präzise und übersichtliche Darstellung dieser Inhalte. Wie lassen sich diese Inhalte nun veranschaulichen? Hilfreich ist dabei die Unterscheidung von Begriffen und Benennungen.

Begriffe (engl. concepts) sind Objekte des Denkens (z. B. Geräte, Personen, Farben, Pflegediagnosen, Gefühle usw.). Sie lassen sich allgemein beschreiben und mitunter auch präzise definieren. Es ist gelegentlich auch möglich, Begriffe durch Bilder oder Symbole darzustellen (z. B. das Symbol " * " für Geburtstag oder ein Symbol für das Geschlecht).

In der natürlichen Sprache existieren Benennungen (engl. terms) für diese Begriffe. Dabei sind mehrere Benennungen für ein und den selben Begriff möglich (sogenannte Synonyme,
z. B. Mutterschaft - Mutter sein). Durch die zahlreichen Sprachen und Dialekte existieren oft im internationalen Rahmen sehr viele Benennungen für den gleichen Begriff.

Es lassen sich folgende Aussagen für den Umgang mit der ICNP ableiten:

Es ist durchaus sinnvoll und legitim, hausspezifische Benennungen weiterhin zu verwenden, wenn Konsens besteht über den damit abgebildeten Begriff mit seiner Definition. Diese Arbeit der Zuordnung und Konvertierung/Übersetzung von Benennungen kann dann ein Computer übernehmen.

3 Anforderungen an einzelne Benennungen

Bei der Abbildung von pflegerischen Begriffen mittels Darstellung der Benennungen auf dem Computermonitor besteht oft ein Platz- und Zeitproblem für den Systementwickler / Systembetreuer. In der Praxis sind dann kreative Anpassungen an die Gegebenheiten vor Ort vonnöten, gerade bei einer noch so jungen und sich sehr dynamisch entwickelnden Begriffswelt, wie sie in der Pflege vorherrscht. Häufig sind bei der Anpassung und Einführung von Klassifikationen Tugenden vonnöten, wie z. B. Kreativität, Mut, Ausdauer und das Verkraften von Mißerfolgen. Einziges Kriterium für den Erfolg der computerbasierten Anwendung der ICNP ist letztendlich die Akzeptanz des Systems beim Nutzer.

Hilfreich ist die Orientierung an einigen Kriterien, denen die einzelnen eingesetzten Benennungen genügen sollten:

3.1 Sinnfälligkeit

Die Benennung sollte klar, präzise und unmißverständlich den Begriff abbilden. Naturgemäß ergeben sich bei dem ersten Kontakt mit den 1300 Begriffen der ICNP Unsicherheiten und Diskussionen über die abgebildeten Inhalte. Hier gilt es vor der EDV-Einführung soweit wie möglich Klarheit (auf dem Papier und in den Köpfen) zu schaffen, damit diese Probleme nicht der EDV-Lösung angelastet werden. Das Umgehen mit Differenzstandpunkten und der daraus notwendig werdende Prozeß der Konsensbildung (im Extremfall per Anweisung oder Abstimmung) sind zeitaufwendige Vorarbeiten.

3.2 Vertrautheit mit der Benennung

Wenn eine Benennung schon im pflegerischen Alltag etabliert ist, hat das auch ungemeine Vorteile. Bei dem Ersetzen von älteren Benennungen durch modernere ist eine gewisse Behutsamkeit nötig. Das Beharrungsvermögen von Benennungen und Begriffen ist oft erstaunlich. (Das Pfund als Gewichtsmaß wurde in Deutschland 1935 abgeschafft.)

3.3 Leichte Erfaßbarkeit

Weniger ist hier oft mehr. In der späteren vieltausendfachen Anwendung sollte man das Pflegepersonal nicht mit langen Ausschweifungen belasten. Eine rasche Wahrnehmung kann hier gut unterstützt werden. Wichtige Gedankeninhalte sollten im Zweifelsfall eher an den Anfang der Benennung gestellt werden, näher erklärende Worte können oft im hinteren Teil der Benennung Platz finden (z. B. Angst, hervorgerufen durch...).
Die in der Praxis- oder "Insider"-Sprache oft zu beobachtende Verwendung von Kurzwörtern und Abkürzungen sollten auch für den Computereinsatz aufbereitet und mit angeboten werden, um eine gewachsene Rationalisierung der Kommunikation zu unterstützen. Man sollte durchaus einmal überprüfen, ob sich besonders häufig vor Ort verwendete Begriffe nicht durch eine Benennung mit einer Länge von 20, 30 oder 40 Zeichen abbilden lassen.

3.4 Gute Einprägsamkeit

Für die Auswahl und Bildung geeigneter Benennungen ist es wichtig, daß diese sich leicht und sicher einprägen lassen, um die Sicherheit beim Umgang mit ihnen zu erhöhen und Verwechselungen zu vermeiden. Bei der Bildung von Kurzworten und Abkürzungen sollte dabei die höchstmögliche Selbstbeschreibungsfähigkeit beibehalten werden. Durch die Anwendung geeignete Merkhilfen (Mnemonik) läßt sich hier der Umgang mit der ICNP für das Pflegepersonal unterstützen.

3.5 Zusätzliche Texte zur Erklärung beachten

Wenn bei der Verwendung etwas unscharfer Begriffe die verwendete Benennung nicht ausreicht, sollte es eine unkomplizierte Möglichkeit geben, erläuternde Zusatztexte und Kommentare bei der computerbasierten ICNP-Anwendung mit zu erfassen und weiter zu verarbeiten.

3.6 Hilfe- und Suchmöglichkeiten

Für ungeübtes Personal ist es oft hilfreich, Hilfetexte und Suchmöglichkeiten bei der Anwendung der Klassifikation vorzuhalten. Hier können als Kontextinformationen möglicherweise erklärende Beschreibungen, Definitionen, Grafiken und Fotos zur Erläuterung des Begriffes eingesetzt werden.

4 Anforderungen an die Struktur der Begriffe

Für die Arbeit mit der ICNP ist auch die Struktur, in der die einzelnen Begriffe zueinander stehen, von Bedeutung. Besonders hier gilt der Leitsatz: Die Arbeit an der ICNP ist noch nicht abgeschlossen und sie ist kein Dogma! Einige Beispiele sollen das belegen:

Es sollte einen leichten Einstieg und eine gute Navigation in der Begriffshierarchie für die Arbeit mit dem Computer geben. Die Verwendung des in der Hierarchie an oberster Stelle stehenden Begriffes "Faktoren, die den Gesundheitsstatus beeinflussen" (der sogenannte Wurzelbegriff dieser Hirarchie) ist für die Arbeit mit dem Computer in der Praxis sicher eher störend als hilfreich. Das heißt nicht, das dieser Begriff für die theoretische Arbeit entfallen sollte. Ein möglicher Zugang wäre über eine angepaßte Form der Aktivitäten des täglichen Lebens denkbar.

Es kann durchaus sinnvoll sein, die ICNP an einigen Punkten durch fachrichtungsspezifische Begriffe zu ergänzen.

Über Ober- oder Gruppen-Begriffe lassen sich Einzelbegriffe der ICNP gebündelt abbilden. Auf diese Weise lassen sich z.B. bei Standardpflegeplänen Gruppen von pflegerischen Maßnahmen in übersichtlicher Weise darstellen.

Ein Zugang zur ICNP sollte auch das individuelle Profil der Pflegeeinrichtung abbilden (z.B. Hitlisten mit häufigen Begriffen, Sortierung in individueller Weise usw.)

Bei der individuellen Anpassung und Überarbeitung der ICNP an die hausspezifischen Bedingungen sollte aus Gründen der optimalen Darstellung und Navigation flachen Hierarchien der Vorzug gegeben werden. Allgemein kann man sagen, daß sich bei jedem Eintrag in der Hierarchie etwa 5 bis 20 Untereinträge besonders gut am Computer darstellen und handhaben lassen .

5 Anforderungen an die Verwaltung der Begriffe

Bei der Einführung von Katalogen und Klassifikationen wird häufig der notwendige Aufwand zur Unterhaltung und laufenden Aktualisierung (maintenance) dieser Daten unterschätzt. Für die Bearbeitung diese Aufgabe sind sowohl inhaltlich-fachliche als auch organisatorisch-technische Kompetenzen notwendig.

Für die sinnvolle Anwendung der ICNP macht sich oft eine nationale oder auch krankenhausspezifische Edition der ICNP notwenig (z. B. durch Weglassen von Komponenten, die nur in tropischen Gebieten relevant sind). Eine wirksame Unterstützung dieser krankenhausspezifischen Edition der ICNP könnte die Verwaltung der Begriffe in Datenbanken ermöglichen. Dabei sind auch Verknüpfungen zu anderen Daten mit ins Kalkül zu ziehen, z. B. zu

Es sollte frühzeitig festgelegt werden, wer diese administrativen Aufgaben in Zusammenhang mit der Einführung von computergestützten Lösungen in Zusammenhang mit der ICNP übernimmt. Bereits im Jahr 1994 formulierte die NANDA für solche Aufgaben das Berufsbild der "informatics nurse". Auch in Deutschland werden zunehmend neu geschaffene Stabsstellen EDV bei den Pflegedirektionen diesen vielfältigen neuen Aufgabenfeldern gerecht.

6 Anforderungen an den Austausch der Daten

Für den komfortablen Austausch der Klassifikationsdaten ist eine klare Beschreibung der Datenstruktur notwendig. Diese Daten sollten nicht nur die eigentlichen Begriffe enthalten, sondern auch Information zu ihrer Position in der hierarchischen Struktur. Durch das Internet bieten sich neue Möglichkeiten zur raschen Verbreitung von Entwicklungsversionen der ICNP. Diese angestrebten leichten Austauschmöglichkeiten der ICNP erfordern aber abgestimmte Austauschmodalitäten. Für die Krankenhäuser, die mit einer computergestützten Lösung der ICNP arbeiten wollen, empfiehlt sich auf jeden Fall ein zeitiger und enger Kontakt zu den Anbietern von Pflegeinformationssystemen.

Für die dauerhafte Weiterentwicklung und Verbreitung der ICNP sind professionelle Entwicklungs- und Vertriebsstrukturen notwendig. In Deutschland könnte diese Aufgabe zum Beispiel nach dem Vorbild andere Länder ein deutsches Klassifikationszentrum übernehmen. Anzustreben ist eine durch die WHO und den ICN koordinierte und durch die nationalen Gesundheitsministerien abgesicherte Weiterentwicklung und Gemeinfreiheit der ICNP. Dafür müssen aber unter anderem auf dem Gebiet der lizenzrechtlichen Regelungen noch zahlreiche Fragen geklärt werden.

7 Zusammenfassung

Die ICNP leistet einen wichtigen und notwendigen Beitrag als abgestimmter Begriffsrahmen für den Computereinsatz in der Pflege. Dabei muß die ICNP nicht nur in ihrem theoretischen Inhalt zutreffend sein, sondern sie muß auch die pflegerische Praxis unterstützen und vom Nutzer akzeptiert werden. Wichtige Faktoren sind dabei der Zeitfaktor, sowie die Darstellungsweise der ICNP am Computer nach software-ergonomischen Regeln. Das Pflegepersonal sollte in geeigneter Weise motiviert werden, bei der ICNP-Anwendung mitzuarbeiten. Die Weiterentwicklung der ICNP ist eine große und hoffnungsvolle Herausforderung. Alle Beteiligten benötigen dazu aber noch einen langen Atem.